"ROAS"

Ein Satyrspiel

Rumänien-Bulgarien-Griechenland- Italien 2004

amphipolis
kukeri
Lepenskivir
HarmanKayaEphyra
perperikon
Olymp
iynxephyra
lidothomasmann
psychopompos
dennallelustwillewigkeit

 

ROAS ist ein Satyrspiel auf den mythischen Sänger Orpheus, weder Gott noch Held, aber Erfinder

von Dichtung und Musik. Orpheus, die immer verborgene antike Gestalt, wird von hinten angegriffen,

von seinen so lächerlich ernsten wie hintergründigen Interpretationen und Repräsentationen. Denn das

Schwanenhafte scheint das Schicksal des modernen Künstlertypus zu sein, jenes letzten Künstlers, den

Nietzsche entlarvt und Thomas Mann parodiert hat.

Was bleibt aber den allerletzten Künstlern zu tun, uns, die wir schon lange nicht mehr sein dürften? Doch

wohl, sich mit ernster Lächerlichkeit auf die Reise zu machen und die Orte aufzusuchen, an denen die

Utopien von Freunden wie Feinden des Geniekults begraben wurden.

ROAS ist ein Theaterstück in Echtzeit und an Originalschauplätzen, doch es gibt nur einen Zuschauer,

die dunkle Zelle der Kamera, Allegorie für den einsamen Raum des postgenialen Erzählers und

Komponisten.

.

In allegorischer Gestalt, als „Doppelbeuys“, werden sie im September 2004 von hier zum Eisernen

Tor aufbrechen, nach Lepenski Vir und Vinca. Dort, im Schoß von Mutterkulturen entwickelten sich die

frühesten bekannten Zeugnisse für Monumentalkunst und Schrift: Die Geburt des Orpheus.

Wie Dionysos wuchs er in Thrakien auf und die Züge des Wilden, der Roas, der Raserei konnten beide

bei aller Verfeinerung nie eliminieren. Was wird man heute sich leisten können, davon zu finden?

Auch am Hang des Olymps, wo Orpheus die Musik entdeckte, wird es genügen sich auf ein bescheidenes

Experiment zu beschränken: Überkommene Bilder des grossen Musikers werden nachgestellt,

mechanisch wiederholt, in der lächerlichen Hoffnung, aus toten Notationen ihren verlorenen Rhythmus

zu finden.

 

Im Zentrum des Kunstprojektes steht eine Serie von Fotografien, die an den oben erwähnten Orten

aufgenommen werden. Haltung und Gestik der Figuren orientieren sich an historischen Bildern zum

Orpheusmythos. Während die Akteure statische, gewissermaßen ideale Bilder wiederholen, dokumentiert

das „ühnenbild“, die heutige eher prosaische Umgebung der besuchten Stätten, den Wandel im Realen.

Parallel zu der an der Folge der einzelnen mythischen Episoden ausgerichteten Fotoserie wird es eine

streng lineare Sequenz von Dokumentationsaufnahmen geben, die ein GPS-Gerät zeigen, das jeweils

den exakten Ort und Zeitpunkt des Besuches nachzeichnet.

 

Doch der auf die Leier genagelte und ins Meer geworfene Kopf singt weiter und weiter. Die Reise garät

an ihrem Ende in die Kreisbahn des Todes. In Venedig werden immer wieder ähnliche Bilder nachgestellt:

Der junge Prinz und der tote Wagner, der junge Prinz und der tote Thomas Mann...

Orpheus als der sich selbst unendlich generierende Künstler. Immer dreht er sich zu früh um, simuliert

in der Kunst schon seine Auferstehung, noch ehe er den Mut hat zu sterben: Der Outopos wird zum

Atopos.

Höchste Macht schlägt um in höchste Ohnmacht, der Liebeskreisel dreht sich ins Ewiggleiche. Hätte er

sich doch nicht wieder zu früh umgedreht zum hohen Bild, zum Künstlersein.

Enttäuscht vom weiblichen Ideal wendet sich Orpheus ab zur Knabenliebe. Die Konfrontation mit König

Ludwig II., der in den Masken des schönen Prinzen und des toten „hnsinnigen“ erscheint,

markiert den Moment des extremsten Entgegenseztzung zwischen dem mythischen Orpheus und seinen

modernen Ebenbildern. Hier die Knabenliebe als Initiation höchster Männlichkeit, dort als Selbstkastration

in der referenzlosen Simulation.

Die Flucht in die Hyperrealität endet in der Zerreissung durch rasende Mänaden: Auftritt von Hitlers Mutter

(Verfremdungseffekt).

 

Schlimmer noch am Gipfel des Olymp, des höchsten Über- und Nichtortes der Griechen: Der Ehrwürdige

des Gipfels preist heute hier den effizientesten Weichspüler an, eine gefährliche Karikatur der Seichtheit

deutscher Gipfeldenker. In den Niederungen findet der Einsame erst seine Erfüllung in der Sehnsucht

nach der erlösenden Liebe: Auftritt der Eurydike und jäher Abgang.

Doch Orpheus gibt nicht auf, er schliesst den Teufelspakt mit der schrecklichen Herrin: Er verkauft sich,

um sein besseres Ich zu finden. Schicksal eines späten Künstlermenschen? Vielleicht doch eher eine

Komödie des Wendehalses.

 

Ihren Ausgang nimmt die Reise auf den Spuren des Orpheus im barocken Schreib- und Leseraum

der Dombibliothek in Freising, an jenem Ort, den Thomas Mann im Mai 1943 in Pacific Palisades

imaginierte, um seinen grossen Roman von der Tragödie des deutschen Künstlertypus von dort erzählen

zu lassen. Nach dieser Apotheose wurden im Jahr 1973 Thomas Goerge und Gerhard Schebler

ausgerechnet an diesem Ort geboren und beschlossen Künstler zu sein.

ffWEISS